Dienstag, 30. Dezember 2008
Mythen, Märchen, Mittelalter
baldri, 11:18h
Geschrieben von Holger Sempf
Veröffentlichung: Donnerstag, 31. Juli 2008
URL: http://www.backview.eu/hochschule/hochschule/mythen-marchen-mittelalter.html
„Þórhallr hét maðr“– so und nur selten anders fangen die meisten altisländischen Texte an. Wer jetzt denkt: „Ach wie langweilig!“, hat sich vollkommen geirrt. Von isländischen Sagas hat jeder schon mal gehört, wenn nicht sogar gelesen. Bjarni, Sigurdr, Snorri und Gunnlaug sind altbekannte Namen der Sagaszene. Nicht selten haben diese Helden des Mittelalters lustige Beinahmen, wie Hexennase, Krummebein und Blauzahn, aber auch Schönhaar und „der Gute“ sind als einschlägige Charakteristika bekannt.
Besonders Interessierte sind in diesem Jahr wieder eingeladen der „5th International Summer School in Manuscript Studies“ beizuwohnen. Sie findet in diesem Jahr in Kopenhagen statt, nächstes Jahr wieder in Reykjavík und dann im routierenden System wieder in der dänischen Hauptstadt.
Das Befassen mit mittelalterlichen Texten hat gewiss seine Reize, jedoch ist es nicht für jedermann! Viel Geduld und Durchhaltevermögen muss man mitbringen, um sich durch ein handschriftliches Manuskript des „Dunklen Zeitalters“ durchzukämpfen. Nicht selten verfliegen dabei Stunden für eine Pergamentseite – und dann hat man erst einmal in die erste Stufe transkribiert. Die weitere Enkodierung in lesbares Altisländisch / Altnordisch ist der nächste Schritt, erst dann rückt eine Übersetzung in greifbare Nähe.
So weit die Theorie, wie aber sieht es in der Praxis aus? In der Summer School kommen die führenden Wissenschaftler Europas im Bereich der nordischen Mediävistik zusammen und unterrichten in Form von workshops jeden Wissbegierigen, der die Mühen der Anfahrt nicht scheut. Vor allem werden aber graduierte Studenten angesprochen. Die offizielle Version hört sich wie folgt an:
„A week-long intensive course in early Scandinavian (Old Norse-Icelandic and Old
Danish) manuscript studies. Topics covered include palaeography, codicology, the
description and transcription of primary sources, basic editorial technique and the
theory and practice of textual criticism.”1
Natürlich darf bei so viel Arbeit der sozial-gesellschaftliche Faktor nicht zu kurz kommen. Das jeweilige Institut plant jedes Jahr eine Tagesexkursion an einen Sagaschauplatz oder historisch bedeutsamen Ort.
Die Begrüßung findet traditionell an einem Sonnabend statt. Hier werden erste Kontakte geknüpft und alte Freundschaften in gemütlicher Runde wieder aufgefrischt.
Das Arnamagnæanische Institut bietet drei Kurse an: Anfänger, Fortgeschrittene und die sog. „masterclass“. Die ersten beiden Kurse vermitteln grundlegendes Wissen der o.g. Themengebiete.
Die masterclass setzt sich mit einer noch nicht edierten Saga auseinander. In dieser Klasse wird vorrangig die Vorarbeit zur Herausgabe einer Transkription bearbeitet. Dazu gehört u.a. die Feststellung, wie viele Abschriften es im Allgemeinen gibt und welche der „Archetyp“ ist (Lachmannsche Methode). Ob die Herausgabe in digitaler Form, in Buchform oder eine Mischung aus beiden ist, spielt für die Vorgehensweise eine genauso wichtige Rolle, wie die, oftmals langjährige Nachbereitung der Texte, bis sie zur Herausgabe bereit sind.
Wer denkt, dass sich isländische mittelalterliche Handschriften nur in Skandinavien befinden, der hat sich geirrt. Über vielerlei Umwege gelangten sie in die Herzog August Bibliothek nach Wolfenbüttel. Wer sich also auf die Summer School einstimmen möchte, der kann sich vorab schon mal kundig machen, wie sich mehr als 600 Jahre alte Manuskripte anfühlen.
Einer, zu mindest für mich, interessantesten Eindrücke mit dem Arbeiten von Handschriften sind die Randnotizen der Schreiber. Viele wurden ausradiert, aber einige geben Aufschluss über das, doch sehr harte, Leben dieser Berichterstatter. Oft sind es Sprüche, wie
„Puh, endlich fertig“ oder „Mir ist so kalt, ich habe keine Lust mehr“ zu finden, allerdings und damit will ich den Abschluss einleiten, finden sich auch lusige Sachen, wie z.B. aus der Vilmundar saga viðutan:
„Und so beenden wir die Geschichte von Vilmund Viðutan mit dem Schlusswort des Schreibers, dass der Vorleser und die Zuhörer und alle, die nicht so reich sind, dass sie dem König Steuern zu zahlen haben, der Öskubuska auf den Arsch küssen sollen.“
1 http://english.arnamagnaeansk.ku.dk/summer_school/ (15.07.2008)
Veröffentlichung: Donnerstag, 31. Juli 2008
URL: http://www.backview.eu/hochschule/hochschule/mythen-marchen-mittelalter.html
„Þórhallr hét maðr“– so und nur selten anders fangen die meisten altisländischen Texte an. Wer jetzt denkt: „Ach wie langweilig!“, hat sich vollkommen geirrt. Von isländischen Sagas hat jeder schon mal gehört, wenn nicht sogar gelesen. Bjarni, Sigurdr, Snorri und Gunnlaug sind altbekannte Namen der Sagaszene. Nicht selten haben diese Helden des Mittelalters lustige Beinahmen, wie Hexennase, Krummebein und Blauzahn, aber auch Schönhaar und „der Gute“ sind als einschlägige Charakteristika bekannt.
Besonders Interessierte sind in diesem Jahr wieder eingeladen der „5th International Summer School in Manuscript Studies“ beizuwohnen. Sie findet in diesem Jahr in Kopenhagen statt, nächstes Jahr wieder in Reykjavík und dann im routierenden System wieder in der dänischen Hauptstadt.
Das Befassen mit mittelalterlichen Texten hat gewiss seine Reize, jedoch ist es nicht für jedermann! Viel Geduld und Durchhaltevermögen muss man mitbringen, um sich durch ein handschriftliches Manuskript des „Dunklen Zeitalters“ durchzukämpfen. Nicht selten verfliegen dabei Stunden für eine Pergamentseite – und dann hat man erst einmal in die erste Stufe transkribiert. Die weitere Enkodierung in lesbares Altisländisch / Altnordisch ist der nächste Schritt, erst dann rückt eine Übersetzung in greifbare Nähe.
So weit die Theorie, wie aber sieht es in der Praxis aus? In der Summer School kommen die führenden Wissenschaftler Europas im Bereich der nordischen Mediävistik zusammen und unterrichten in Form von workshops jeden Wissbegierigen, der die Mühen der Anfahrt nicht scheut. Vor allem werden aber graduierte Studenten angesprochen. Die offizielle Version hört sich wie folgt an:
„A week-long intensive course in early Scandinavian (Old Norse-Icelandic and Old
Danish) manuscript studies. Topics covered include palaeography, codicology, the
description and transcription of primary sources, basic editorial technique and the
theory and practice of textual criticism.”1
Natürlich darf bei so viel Arbeit der sozial-gesellschaftliche Faktor nicht zu kurz kommen. Das jeweilige Institut plant jedes Jahr eine Tagesexkursion an einen Sagaschauplatz oder historisch bedeutsamen Ort.
Die Begrüßung findet traditionell an einem Sonnabend statt. Hier werden erste Kontakte geknüpft und alte Freundschaften in gemütlicher Runde wieder aufgefrischt.
Das Arnamagnæanische Institut bietet drei Kurse an: Anfänger, Fortgeschrittene und die sog. „masterclass“. Die ersten beiden Kurse vermitteln grundlegendes Wissen der o.g. Themengebiete.
Die masterclass setzt sich mit einer noch nicht edierten Saga auseinander. In dieser Klasse wird vorrangig die Vorarbeit zur Herausgabe einer Transkription bearbeitet. Dazu gehört u.a. die Feststellung, wie viele Abschriften es im Allgemeinen gibt und welche der „Archetyp“ ist (Lachmannsche Methode). Ob die Herausgabe in digitaler Form, in Buchform oder eine Mischung aus beiden ist, spielt für die Vorgehensweise eine genauso wichtige Rolle, wie die, oftmals langjährige Nachbereitung der Texte, bis sie zur Herausgabe bereit sind.
Wer denkt, dass sich isländische mittelalterliche Handschriften nur in Skandinavien befinden, der hat sich geirrt. Über vielerlei Umwege gelangten sie in die Herzog August Bibliothek nach Wolfenbüttel. Wer sich also auf die Summer School einstimmen möchte, der kann sich vorab schon mal kundig machen, wie sich mehr als 600 Jahre alte Manuskripte anfühlen.
Einer, zu mindest für mich, interessantesten Eindrücke mit dem Arbeiten von Handschriften sind die Randnotizen der Schreiber. Viele wurden ausradiert, aber einige geben Aufschluss über das, doch sehr harte, Leben dieser Berichterstatter. Oft sind es Sprüche, wie
„Puh, endlich fertig“ oder „Mir ist so kalt, ich habe keine Lust mehr“ zu finden, allerdings und damit will ich den Abschluss einleiten, finden sich auch lusige Sachen, wie z.B. aus der Vilmundar saga viðutan:
„Und so beenden wir die Geschichte von Vilmund Viðutan mit dem Schlusswort des Schreibers, dass der Vorleser und die Zuhörer und alle, die nicht so reich sind, dass sie dem König Steuern zu zahlen haben, der Öskubuska auf den Arsch küssen sollen.“
1 http://english.arnamagnaeansk.ku.dk/summer_school/ (15.07.2008)
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